„Noch nie so die Hungersnot erlebt“

»Helmut Schmitt von einer Reise aus Ruanda zurück
„Eine ewige Geschichte“, sagt er. Für Sekunden wirkt er nachdenklich. Wo mit dem Erzählen anfangen, wird Helmut Schmitt gedacht haben, als wir uns in seinem Wohnzimmer im Keltenweg gegenüber sitzen. Nur wenige Tage ist es her, da kam der Vorsitzende des Vereins „Krankenhaus für Ruanda“, auf dessen Initiative in Musasa (Provinz Ruli) vor 15 Jahren ein Kinderkrankenhaus errichtet wurde, das von der ruandischen Regierung mittlerweile als Bezirkskrankenhaus eingestuft wurde, von einer Reise aus dem Partnerland von Rheinland-Pfalz zurück.«

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Die Bilder von unterernährten Kindern mit aufgeblähten Leibern gehen ihm nicht aus dem Sinn. „So habe ich die Hungersnot vor Ort noch nicht erlebt.“ Dem Krankenhaus ist ein Waisenhaus angeschlossen. „Trotz der Erweiterung können wir nicht alle Kinder aufnehmen“, verdeutlicht er die Situation. „Es sind Kinder, deren Eltern an Aids gestorben sind.“ Ursache für die Hungersnot sei die lang letzte anhaltende Regenzeit, die 50 Prozent der Ernte vernichtet habe. Um den Kindern zu helfen, hat Helmut Schmitt zusammen mit Schwester Louise einen Plan entwickelt. Jede Familie mit Kindern, die zusätzlich ein Waisenkind aufnimmt, erhält wöchentlich ein Kilo Bohnen als Nahrungsergänzung. „Bohnen sind vitaminreich und sättigend.“

Bei den Worten hat der Lauterer es nicht belassen. Als Soforthilfe orderte er in Kigali für Ruli 20.000 Kilo Bohnen zum Preis von 3.300.000 Ruanda-Francs. „Hier ist der Kaufbeleg“, legt er stolz die Quittung vom 21. Januar vor. Für Maismehl, Reis und Milchpulver als Zugaben benötige er weiter 10.350 Euro. „Damit wäre die Hungersnot auf begrenztem Raum mathematisch für drei Monate gesichert“, rechnet er vor und träumt davon: „Wenn jeder Lauterer nur einen Euro gäbe!!!“ Angetan war Helmut Schmitt von der Hilfsbereitschaft der Kreissparkasse. Als er nach seiner Rückkehr aus Ruanda Sparkassendirektor Franz Link die Quittung über seine Ausgaben für Bohnen zeigte, habe dieser ihm sofort eine Spende in Höhe des Kaufpreises von 5.000 Euro zugesagt. Link gegenüber der RHEINPFALZ: „Die Kreissparkasse unterstützt seit langem die Aktivitäten des Vereins. Ich bin der festen Überzeugung, dass die Menschen in Ruanda unsere Hilfe brauchen.“ Bei Schmitt sei das Geld in besten Händen.

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Helmut Schmitt ist die Hilfe für Menschen in Ruanda zum Lebensinhalt geworden. Begeistert berichtet er über anstehende Projekte. So wird Rolf Delker, ein Optiker aus Eisenberg, demnächst einen Laden in Ruli einrichten. „Die Fundamente in Nähe des Krankenhauses sind bereits gelegt und wurden von ihm auf der Ruanda-Reise begutachtet.“ Für drei Wochen wird ein Mitarbeiter des Optikers nach Ruli reisen und mit Hilfe von Lesetafeln bei Schulkindern die Sehstärke überprüfen. 6000 Gläser und Gestelle werden preisgünstig in China bestellt. „Für sieben Millionen Ruandesen gibt es einen Augenarzt, zwei sind in Ausbildung“, verweist er auf den augenärztlichen Notstand in dem afrikanischen Land. Je ein Optiker gebe es in den Städten Kigali, Butare und Kybuje.

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Ende des Monats erwartet Schmitt Jean de Dieu, den Chefarzt des 170-Betten-Krankenhauses in Ruli , in Kaiserslautern. Zusammen mit dem Frauenarzt Dr. Dieter Susemihl, der Anästhesistin Dr.Heidi Paschen und Dr. A. Borsche, dem Chefarzt und Präsidenten der “ INTERPLAST - Germany e.V. für Plastische Chirugie in Entwicklungs-ländern “ Bad Kreuznach, sollen Operationen besprochen und vorbereitet werden, die das Team im Frühsommer vier Wochen lang im Krankenhaus durchführen will. „Die Ärzte aus Kaiserslautern und Kreuznach stellen sich ehrenamtlich zur Verfügung“, lobt Schmitt das Vorhaben der Mediziner. Als Bedingung hat er sich beim ruandischen Gesundheitsministerium erbeten, dass die Operationen einheimischen Ärzten als Fortbildungsmaßnahme dienten. „Die Weiterbildung muss als Schneeballsystem funktionieren.“

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Erweitert werden soll die im September 2003 mit 120 Schülern in Betrieb genommene Krankenpflegeschule ESSA, zu deren Grundsteinlegung Staatspräsident Kagame zugegen war. Durch Bewerbungen aus dem ganzen Land hat sich die Anzahl der Schülerinnen und Schüler auf 240 erhöht. Entsprechend soll die Bettenkapazität für die Unterbringung erweitert werden. „Wenn die jungen Erwachsenen ihre Ausbildung erfolgreich abgeschlossen haben, gehen sie zurück in ihre Dörfer und können eine Krankenstation leiten. Die ESSA-Schule hat sich zum Cambridge von Ruanda entwickelt“, würdigt Schmitt die Bedeutung der Einrichtung. Eine Erstausstattung der Fachbibliothek in franz.Sprache habe die Buchhandlung Gondrom ermöglicht.

Eine Anmerkung kann sich Schmitt nicht verkneifen. „Fleiß, Arbeitseifer und Lernbereitschaft der Schüler sind einmalig. Selbst an Sonntagen wird zu Büchern gegriffen. Hefte mit Eintragungen, wie gemalt!“ gerät er über die Motivation der jungen Ruandesen ins Schwärmen. Vieles mehr könnte Helmut Schmitt über das Krankenhaus erzählen, das in all den 16 Jahren zum Herzstück der Infrastruktur der Provinz Rushashi geworden ist. Doch unterernährte Kinder, Armut und Elend, Bilder seiner Ruanda-Reise, hat der Lauterer noch nicht „verdaut“.

Joachim Schwitalla
05. Februar 2005