Krankenhaus Ruanda e.V.

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Chronik aus Nyamirambo

»Die demographischen Daten der ruandischen Regierung sind sehr interessant. Vor dem Völkermord vor 13 Jahren zählte die Bevölkerung etwa 8 Millionen Einwohner .Dem Krieg fiel etwa 1Million Menschen zum Opfer.Aus den Nachbarländern Tansania, Uganda,Burundi und dem Congo kehrte danach etwa 1 Million Menschen nach Ruanda zurück ,überwiegend Tutsi,die in den früheren Jahren geflohen waren, sodass nun wieder mit einer Bevölkerung von etwa 8 Millionen gerechnet werden musste.«

Die Regierung gibt derzeit die Bevölkerungszahl mit 9,1 Millionen an und projiziert für das Jahr 2025 eine Zahl von 13,8 Millionen. 47% der Menschen sind unter 15 Jahren und die mittlere Lebenserwartung beträgt 47 Jahre. Die natürliche Wachstumsrate wird mit 2,7 angegeben.
Obwohl die drei ethnischen Gruppen nach wie vor bestehen,werden über deren prozentuale Verteilung keine Angaben gemacht.Früher hieß es,die Hutu machten 4/5 ,die Tutsi etwa 1/5 und die Twa eine verschwindende Minderheit aus.
Diese Zahlen kann man alle kommentieren, und sie enthalten alle,wie Sie nachvollziehen können,eine gewisse Brisanz,vor der wohl auch die Verantwortlichen in diesem Land die Augen nicht verschließen.
Es ist jetzt schon nicht möglich,die Bevölkerung ausreichend zu ernähren.Die vielen Jugendlichen haben nur geringe Chancen auf dem Arbeitsmarkt,eine Ausbildungsstelle zu finden oder ihren Lebensunterhalt zu verdienen.
Das grausame Geschehen des Völkermords von 1994 ist im Bewusstsein der Menschen gegenwärtig.An den Gacaca Prozessen nimmt die Bevölkerung teil,sie ziehen sich oft über den ganzen Tag hin.Es wird vor den Teilnehmern mit schonungsloser,detaillierter Offenheit ausgebreitet,was die Täter,die vor ihnen stehen,getan haben oder getan haben sollen.Das tut allen weh,und ich weiß nicht,wie die Menschen das aushalten.
Gestern kam Saidi nach Hause.Er lebt in einem Internat bei Rwamagana,wo er die Sekundärschule besucht.Die Ferien beginnen erst am 27.Juli 2007.Wir sind also mitten im Trimester.Er sagte mir,die Schule wurde für 6 Tage geschlossen und alle Schülerinnen und Schüler wurden heim geschickt,wegen „ Traumatisierung „.
Ich wollte das dann genauer wissen.Er sagte:“Das fängt so an.In den Mädchenschlafräumen weinen nachts einige Schülerinnen.Sie erzählen,dass ihnen im Traum ihre Mutter oder andere nahe stehende Menschen erschienen ,die während des Völkermordes umgebracht worden waren.Am darauf folgenden Tag sind das dann schon ganz viele,die Ähnliches berichten.Das steigert sich immer mehr.Alle weinen,sind verzweifelt,wälzen sich am Boden, so dass ein Unterricht nicht mehr möglich ist und die Schulleitung keinen anderen Ausweg aus der Krise kennt,als alle heim zu schicken,damit sie sich wieder beruhigen.
Dem Erziehungsministerium sind derartige Situationen bekannt,und es hält psychologische Interventionsteams bereit,die dann ausrücken,um den Schulleitungen zu helfen,die sich eskalierende Massenpsychose in den Griff zu kriegen.
Meine Buben berichten mir auch,dass zuweilen in den Schulen Flugblätter gefunden werden,in denen zum Mord an den Tutsi aufgerufen wird.Dann würden die Reaktionen der Kinder geradezu panikartig sein.Die Polizei würde in die Schulen kommen,um Untersuchungen anzustellen.Es würde auch vorkommen,dass der Schuldirektor und die Lehrer verhaftet werden,weil sie unter Verdacht geraten sind.Viele Tutsikinder,die die Massaker überlebt haben,sind ganz allein,oder bilden mit Geschwistern reine Kinderfamilien,die ohne den Schutz Erwachsener aufwachsen.Ihnen zahlen staatliche Stellen das Schulgeld.
Viele Familien können das Schulgeld nicht aufbringen.Da aber den überlebenden Tutsikindern das Schulgeld gezahlt wird,gibt es Sekundärschulen,in denen sie die Mehrheit bilden,obgleich, wie oben erwähnt, ihre Ethnie im Land nur 20% ausmacht,was sich eigentlich in der Schülerzusammensetzung widerspiegeln müsste.
Ich halte die Situation im Land für latent explosiv.Ich habe Saidi gefragt,ob er taumatisiert sei.Er sagte,er sei traurig,weil nun all diese Bilder von den vielen Toten wieder vor seinen Augen erschienen, und auch wie die Menschen umgebracht wurden, aber er sei nicht traumatisiert.Auch seine Familie wurde damals ausgelöscht.Warum er denn nicht traumatisiert sei,bestand ich.Er sagte,jeder habe ein anderes Herz,dennoch, er sei sehr,sehr traurig.
In wenigen Tagen werde ich nach Landshut zurückkehren,um mich wieder einmal in meiner Heimat zu erholen und auch Fidele,Richard und Idrissa wiederzusehen,die sich dort auf ihre Ausbildung zum Entwicklungsinformatiker vorzubereiten.Ich werde gleich zu Beginn an einem Klassentreffen meiner früheren Mitschüler in Eisenach teilnehmen.Ich freue mich auch darauf,wenigstens einige von Ihnen,die diese Chronik aus Nyamirambo lesen, zu treffen.

Nyamirambo, 2007-05-30 Ihr Alfred Jahn.

 

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